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Die Umwandlung von Kaliwerken zu unterirdischen Heeresmunitionsanstalten

Bei gleich bleibender Nachfrage nach Kalidünger hatte ein kaum gezügeltes Gründungsfieber die Zahl der deutschen Kalischächte bis 1921 auf 229 steigen lassen. Aber das Kriegsende 1918 und die Abtretung des Elsass beendete die Monopolstellung der deutschen Kaliindustrie auf dem Weltmarkt; die so entstandene ausländische Konkurrenz legte dramatisch die unzureichende Rentabilität vieler Kaliwerke offen. Um Kapazitäten abzubauen und ausgewählten Kaliproduzenten die Überlebensfähigkeit zu sichern, verbot die Weimarer Reichsregierung am 22. Oktober 1921 per Notverordnung, neue Schächte niederzubringen. Bis 1933 wurden von den bestehenden 229 Kaliwerken 125 entweder zu Reserveanlagen erklärt oder zur gänzlichen Stilllegung in den kommenden 20 Jahren verurteilt. Ein umfassender Konzentrationsprozesses setzte ein. 1932 gab es nur noch 38 Schächte, die sich durch Stilllegungen freigewordene Förderquoten übertragen ließen und so ihre Produktion ausweiteten, während 66 auf Reserve gehalten wurden. Hierdurch wurde die Region Werra-Fulda der dominierende Schwerpunkt der deutschen Kaliindustrie. Etwa 80 % des Absatzes entfielen auf die drei großen Kaligesellschaften Wintershall AG (41 %), Vereinigte Salzwerke Salzdethfurth AG (24,5 %) und die Magdeburger Burbach-Kaliwerke AG (14,7 %).

 

Die Reserveschächte wurden von den Kaliproduzenten betriebsbereit gehalten und zumeist als Wetter-, Seilfahrts- und Materialschächte genutzt. Vor allem im Staßfurter und Hannover-Braunschweigischen Revier gingen Kalischächte wegen des geringen Kaligehaltes im Rohsalz außer Betrieb. Auch im Südharz-Untstrut-Revier ließ die regionale Kaliindustrie schon in den 1920er Jahren den Betrieb in 20 Schächten befristet auslaufen oder legte ihn auf Dauer still; lediglich 30 Schächte blieben in Betrieb oder wurden betriebsfähig gehalten, davon 21 für die Rohsalzförderung. Da sich die Werke die Möglichkeit offenhielten, Reserve- oder stillgelegte Schächte später wieder in Betrieb zu nehmen, mussten sie sie mit hohem Finanzaufwand unterhalten werden. Gern wälzten sie daher die immensen Instandhaltungskosten auf das Reich ab, banden so gleichzeitig die Arbeitskräfte, indem sie ihre stillgelegten Werksanlagen und Schächte bereitwillig der Reichswehr als Lagerstätten für Munition und weitere vor der alliierten Kontrollkommission zu verbergende Güter zur Verfügung stellte.

 

Vorreiter war die Wintershall AG in Kassel, die schon Anfang 1934 dem Reich ihr Werk in Bernterode zum Zwecke der Erprobung überließ und nach erfolgreichen Lagerungsversuchen weitere stillgelegte Kalischächte offerierte. Ein umfassendes, anfangs noch verdecktes Programm unterirdischer Lagerstätten kam auf diese Weise in Gang. Selbst die zuständigen Bergbehörden erfuhren erst im April 1934 von den seit Monaten bestehenden Planungen und sogar verwirklichten Baumaßnahmen der Reichswehr. Der Versailler Vertrag hatte der Reichswehr für jeden ihrer sieben Wehrkreise nur eine Munitionsanstalt zugebilligt. Um diese Beschränkungen zu unterlaufen, entwickelte das Militär den Plan, heimlich unterirdisch verborgene Munitionslager einzurichten. Zunächst ausschließlich in engen Kreisen der Regierung diskutiert, traten diese frühen Vorbereitungen eines Angriffskriegs zur Revision des Versailler Vertrages erst ans Licht, als das Reich ein Grundstück unmittelbar neben dem Kalkwerk Mariaglück bei Celle erwarb. Am 13. April 1934 forderte das Bergamt vom übergeordneten RWM Auskunft „über den Verwendungszweck des kürzlich von einer ungenannten Reichsstelle aufgekauften Geländes“.

 

Am 18. April 1934 meldete sich der Reichswehrminister persönlich per Telefon beim Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld. Er dürfte die Pläne der Reichswehr mitgeteilt haben, denn im Bestätigungsschreiben vom 17. Mai 1934 war davon die Rede, dass von „der Anstalt“ zur Grube eine Warnanlage einzurichten und dem Oberbergamt im Falle einer stärkeren Nutzung der Grubengebäude Nachricht zu geben sei. Die Reichswehr hingegen hatte darauf gedrängt, ihre künftigen Untertage-Munitionsanstalten ganz aus der Zuständigkeit der Bergbehörden herauszulösen, um sich bergrechtlichen Vorschriften zu entziehen. Obwohl bereits seit April 1934 zahlreiche Kaliwerke in die Verfügung der Reichswehr übergegangen waren, war die Kompetenzfrage noch ungeregelt, wie eine interne Notiz des Oberbergamtes vom 14. April 1935 verrät: „Über die Abgrenzung der Aufsichtsbefugnisse zwischen der Bergbehörde und den militärischen Stellen“ wären noch keine Abmachungen getroffen worden. Auch habe die Bergbehörde keine Kenntnis vom Inhalt der zwischen der Reichswehr und den Kaligesellschaften geschlossenen Verträge.

 

Bis Mai 1935 war das Wirtschaftsministerium davon ausgegangen, dass die Heeresverwaltung nur stillgelegte Kaliwerke umnutzte, für die eine spätere Wiederaufnahme des Betriebes ohnehin nicht mehr in Frage käme. Dagegen richteten sich die Bemühungen der Reichswehr auch auf nur vorläufig stillgelegte Kaliwerke. Kompromisse waren einzugehen, zumal das Reichswirtschaftsministerium mit Schreiben vom 31. Mai 1935 zugestanden hatte, dass die „von der Bergbehörde für erforderlich gehaltenen Maßnahmen […] im Wege gegenseitigen Einvernehmens mit der Militärbehörde“ zu treffen wären. Anfang September 1935 teilte der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht dem Wirtschaftsministerium mit, nunmehr bestünden keine Bedenken mehr gegen eine Übertragung der Aufsicht über die vom Heer zur Munitionslagerung in Anspruch genommenen Kalibergwerke, was Fragen der Bergsicherheit angehe.

 

Bei Kriegsende existierten Munitionsanstalten in 25 Kaliwerken mit 48 Schächten; der Schacht Heidwinkel II in Grasleben im Landkreis Helmstedt war für die Munitionslagerung sogar erst neu niedergebracht worden. Im Südharzrevier blieb es bei den fünf Heeresmunitionsanstalten Bernterode, Kleinbodungen, Obergebra, Sondershausen und Wolkramshausen. Das Heer hatte zudem begonnen, auch die Nordhäuser Kaliwerke, Eigentum der Wintershall AG Kassel, zu Munitionslagern umzubauen, bis die Arbeiten aus Kostengründen im vorletzten Kriegsjahr eingestellt wurden. Die in den Bergwerken eingerichteten Munitionsanstalten boten im Vergleich zu oberirdischen Anlagen ein Vielfaches an Aufnahmekapazität, allerdings bei weitaus höheren Gestehungskosten. So wandte das Heer bis Sommer 1939 allein für den Ausbau der Munitionsanstalten Hänigsen, Ahrbergen, Diekholzen, Sehnde, Lehrte, Godenau, Volpriehausen, Neuhof und Herfa weit über 70 Millionen RM auf.

 

Bis Sommer 1942 maß das Heer der Sicherheit seiner unterirdischen Munitionslager nur untergeordnete Bedeutung bei. Nach Sprengversuchen im Kaliwerk Riedel sah die Wehrmacht keine Veranlassung, Maßnahmen zum Schutz der Untertagelager zu ergreifen. Erst das Unglück in der Heeresmunitionsanstalt Wolkramshausen am 29. Juli 1942 bewirkte ein Umdenken. Dort ereignete sich in einer etwa 250 m vom Schacht entfernten Untertage-Kammer, in der scharfe Munition gestapelt war, eine Explosion. Sie griff auf beladene Förderwagen über, die in den Zugangsstrecken abgestellt waren. Insgesamt explodierten etwa 8.000 t Sprengstoff. Dabei starben mindestens 145 Personen, überwiegend den Erstickungstod. Die Explosion hatte die Seilfahrtseinrichtungen zerstört; weder Überlebende noch Rettungsmannschaften konnten sie benutzen. Erst nach diesen Erfahrungen ließ die Wehrmacht Schutzräume für ihr Untertage-Personal einrichten. Als seit Herbst 1943 der Bombenkrieg der Alliierten generell zwang, kriegswichtige Betriebe vor Luftangriffen unter der Erde zu schützen, versuchten andere Stellen der Kriegsführung vom RLM bis zum Speer-Ministerium, sich der vom Heer ausgebauten und genutzten Kalischächte zu bemächtigen, konnten sich aber gegen das Oberkommando der Wehrmacht nur vereinzelt durchsetzen. (C) Frank Baranowski 2015

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